Neun Monate Höchstleistung.
Der Beckenboden ist eines der am stärksten beanspruchten Gewebe während einer Schwangerschaft. Er trägt das wachsende Gewicht von Baby, Fruchtwasser und Plazenta, passt sich hormonell bedingten Veränderungen des Bindegewebes an und muss bei der Geburt eine enorme Dehnung tolerieren.
Das Hormon Relaxin, das ab der frühen Schwangerschaft ausgeschüttet wird, macht Bänder und Bindegewebe weicher und dehnbarer. Das ist für die Geburt notwendig, macht aber auch den Beckenboden anfälliger für Überlastung und Absenkungen.
In der Schwangerschaft
Das Gewicht der wachsenden Gebärmutter erhöht den Druck auf den Beckenboden kontinuierlich. Viele Frauen bemerken ab dem 2. Trimester erste Anzeichen von Belastungsinkontinenz. Das ist häufig und behandelbar.
Während der Geburt
Bei einer vaginalen Geburt wird der Beckenboden auf das Drei- bis Fünffache seiner Ruhelänge gedehnt. Dammrisse und Episiotomien können die Muskulatur und Nerven beeinflussen.
Im Wochenbett
In den ersten sechs Wochen zieht sich die Gebärmutter zurück. Der Beckenboden braucht Ruhe und sanfte Aktivierung. Zu frühes intensives Training kann schaden.
In der Rückbildungszeit
Ab der 6.–8. Woche nach der Geburt beginnt die aktive Rückbildungsphase. Die volle Stabilität des Beckenbodens wird oft erst nach 6–12 Monaten erreicht.
Training wirkt — vor und nach der Geburt.
Aktuelle Studienlage: Beckenbodentraining & Geburt
Frauen leidet ein Jahr nach der Entbindung an Harninkontinenz.
Quelle [1]: Metastudie, Br J Sports Med 2024
Beckenbodentraining in der Schwangerschaft reduziert nachweislich das Risiko für Inkontinenz nach der Geburt.
Quelle [2]: Deutsche Hebammen Zeitschrift 2023
Eine aktuelle Metastudie aus dem British Journal of Sports Medicine (2024) zeigt: Frauen die sich vor und während der Schwangerschaft regelmäßig bewegten und nach der Geburt gezielt trainierten, konnten das Risiko für Inkontinenz, Beckenbodensenkung und sexuelle Dysfunktion deutlich reduzieren.
Wichtige Erkenntnis der aktuellen Forschung: Beckenbodentraining sollte bereits in der Schwangerschaft beginnen, nicht erst danach. Frauen die früh anfangen, erholen sich nach der Geburt schneller und haben langfristig weniger Beschwerden.
Was über Rektusdiastase bekannt ist:
Fast alle Frauen entwickeln im letzten Trimester eine Rektusdiastase, eine Dehnung der Bindegewebsplatte zwischen den geraden Bauchmuskeln. Aktuelle Forschung betont: Der Abstand allein sagt wenig über die Funktion aus. Entscheidend ist, ob die Frau ihren Rumpf stabil koordinieren kann.
Training in der Schwangerschaft — sicher und wirksam.
Grundregel: Beckenbodentraining in der Schwangerschaft ist ab dem 2. Trimester (ab ca. Woche 13) empfohlen. Vorher immer Rücksprache mit der Hebamme oder Gynäkologin halten.
Bitte bei diesen Anzeichen pausieren:
- Druckgefühl oder Schmerzen im Beckenboden beim Training
- Urinverlust während der Übungen
- Schmerzen im Beckenring oder der Symphyse
Rückbildung: Geduld und Konsequenz.
Rückbildung ist ein Prozess der Zeit benötigt. Innerhalb der ersten sechs Wochen sind die größten Veränderungen sichtbar, doch volle Stabilität erreichen viele Frauen erst nach mehreren Monaten. Geduld, regelmäßige Übungen und fachliche Begleitung sind entscheidend.
Die drei Phasen der Rückbildung:
Was der Körper in dieser Zeit besonders braucht.
- Eiweiß (Hülsenfrüchte, Fisch, Eier, Fleisch): Für die Geweberegeneration nach der Geburt essenziell
- Vitamin C (Zitrusfrüchte, Paprika, Brokkoli): Fördert die Kollagensynthese im Bindegewebe
- Zink (Kürbiskerne, Nüsse, Vollkorn): Wichtig für Wundheilung bei Dammrissen
- Omega-3 (Lachs, Leinöl, Walnüsse): Entzündungshemmend, unterstützt die Genesung
- Eisenreiche Lebensmittel: Nach der Geburt ist der Eisenspeicher oft leer
- Ausreichend Wasser: Besonders in der Stillzeit, mindestens 2–2,5 Liter täglich
Biofeedback-Training nach der Rückbildung.
Biofeedback-Beckenbodentrainer sind erst nach Abschluss der Rückbildung sinnvoll — in der Regel ab dem 3.–4. Monat nach der Geburt, wenn die Wunden vollständig verheilt sind und die erste aktive Trainingsphase abgeschlossen ist.
Sie können dann besonders hilfreich sein, wenn Inkontinenz-Symptome nach der Rückbildung bestehen bleiben, das Körpergefühl für den Beckenboden noch fehlt, oder wenn du sichergehen möchtest, die Übungen korrekt auszuführen.
Beckenbodentrainer auf Rezept
Alle unsere Geräte sind GKV-erstattungsfähig bei den Diagnosen Belastungs-, Drang- oder Mischinkontinenz. Deine Gynäkologin kann sie direkt verordnen.
Bitte nicht einfach abwarten.
Bitte suche Hilfe wenn:
- Inkontinenz nach der Rückbildung (ca. 3 Monate nach Geburt) noch besteht
- Du ein Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl in der Scheide spürst (kann auf Senkung hinweisen)
- Schmerzen beim Sex nach der Geburt länger als 3 Monate anhalten
- Der Dammriss schlecht heilt oder schmerzhaft bleibt
- Du das Gefühl hast, deinen Beckenboden nicht spüren oder kontrollieren zu können
- Du unter Stuhlinkontinenz leidest
Hebammen, Physiotherapeutinnen mit Beckenbodenspezialisierung und Urogynäkologinnen sind die richtigen Ansprechpartnerinnen. Eine Überweisung zur Beckenbodenphysiotherapie ist in vielen Fällen sinnvoll und von der GKV erstattungsfähig.
