Schwangerschaft · Rückbildung · Beckenboden

Der Beckenboden in
Schwangerschaft & Rückbildung.

Schwangerschaft und Geburt fordern dem Beckenboden Höchstleistung ab. Was in diesen Phasen passiert, warum Training so wichtig ist und wie Rückbildung wirklich gelingt.

Stefanie Konopatzki
Stefanie Konopatzki, Ergotherapeutin & Wechseljahre-Beraterin
📖 ca. 7 Minuten Lesezeit
01 · Was passiert im Körper

Neun Monate Höchstleistung.

Der Beckenboden ist eines der am stärksten beanspruchten Gewebe während einer Schwangerschaft. Er trägt das wachsende Gewicht von Baby, Fruchtwasser und Plazenta, passt sich hormonell bedingten Veränderungen des Bindegewebes an und muss bei der Geburt eine enorme Dehnung tolerieren.

Das Hormon Relaxin, das ab der frühen Schwangerschaft ausgeschüttet wird, macht Bänder und Bindegewebe weicher und dehnbarer. Das ist für die Geburt notwendig, macht aber auch den Beckenboden anfälliger für Überlastung und Absenkungen.

In der Schwangerschaft

Das Gewicht der wachsenden Gebärmutter erhöht den Druck auf den Beckenboden kontinuierlich. Viele Frauen bemerken ab dem 2. Trimester erste Anzeichen von Belastungsinkontinenz. Das ist häufig und behandelbar.

Während der Geburt

Bei einer vaginalen Geburt wird der Beckenboden auf das Drei- bis Fünffache seiner Ruhelänge gedehnt. Dammrisse und Episiotomien können die Muskulatur und Nerven beeinflussen.

Im Wochenbett

In den ersten sechs Wochen zieht sich die Gebärmutter zurück. Der Beckenboden braucht Ruhe und sanfte Aktivierung. Zu frühes intensives Training kann schaden.

In der Rückbildungszeit

Ab der 6.–8. Woche nach der Geburt beginnt die aktive Rückbildungsphase. Die volle Stabilität des Beckenbodens wird oft erst nach 6–12 Monaten erreicht.

02 · Was sagt die Wissenschaft

Training wirkt — vor und nach der Geburt.

Aktuelle Studienlage: Beckenbodentraining & Geburt

1 von 3

Frauen leidet ein Jahr nach der Entbindung an Harninkontinenz.

Quelle [1]: Metastudie, Br J Sports Med 2024

Wirksam

Beckenbodentraining in der Schwangerschaft reduziert nachweislich das Risiko für Inkontinenz nach der Geburt.

Quelle [2]: Deutsche Hebammen Zeitschrift 2023

Eine aktuelle Metastudie aus dem British Journal of Sports Medicine (2024) zeigt: Frauen die sich vor und während der Schwangerschaft regelmäßig bewegten und nach der Geburt gezielt trainierten, konnten das Risiko für Inkontinenz, Beckenbodensenkung und sexuelle Dysfunktion deutlich reduzieren.

Wichtige Erkenntnis der aktuellen Forschung: Beckenbodentraining sollte bereits in der Schwangerschaft beginnen, nicht erst danach. Frauen die früh anfangen, erholen sich nach der Geburt schneller und haben langfristig weniger Beschwerden.

Was über Rektusdiastase bekannt ist:

Fast alle Frauen entwickeln im letzten Trimester eine Rektusdiastase, eine Dehnung der Bindegewebsplatte zwischen den geraden Bauchmuskeln. Aktuelle Forschung betont: Der Abstand allein sagt wenig über die Funktion aus. Entscheidend ist, ob die Frau ihren Rumpf stabil koordinieren kann.

03a · Was kann ich tun · Übungen in der Schwangerschaft

Training in der Schwangerschaft — sicher und wirksam.

Grundregel: Beckenbodentraining in der Schwangerschaft ist ab dem 2. Trimester (ab ca. Woche 13) empfohlen. Vorher immer Rücksprache mit der Hebamme oder Gynäkologin halten.

1
Bewusstes Wahrnehmen
Lege dich bequem hin. Atme tief in den Bauch. Beim Ausatmen spüre, wie sich der Beckenboden leicht anhebt. Kein aktives Anspannen — nur wahrnehmen. Das ist die Grundlage für alles weitere Training.
Täglich · 3 Minuten
2
Sanfte Anspannung
Spanne den Beckenboden sanft an (nicht zu stark), halte 5 Sekunden und lass vollständig los. Die Entspannung ist genauso wichtig wie die Anspannung. Unter der Geburt musst du loslassen können.
10 Wiederholungen, 2-mal täglich
3
Entspannung üben
Stelle dir vor, der Beckenboden ist eine Blume die sich öffnet. Übe das vollständige Loslassen. Viele Frauen können anspannen aber nicht loslassen — das kann die Geburt erschweren.
5 Minuten täglich

Bitte bei diesen Anzeichen pausieren:

  • Druckgefühl oder Schmerzen im Beckenboden beim Training
  • Urinverlust während der Übungen
  • Schmerzen im Beckenring oder der Symphyse
03b · Was kann ich tun · Rückbildung nach der Geburt

Rückbildung: Geduld und Konsequenz.

Rückbildung ist ein Prozess der Zeit benötigt. Innerhalb der ersten sechs Wochen sind die größten Veränderungen sichtbar, doch volle Stabilität erreichen viele Frauen erst nach mehreren Monaten. Geduld, regelmäßige Übungen und fachliche Begleitung sind entscheidend.

Die drei Phasen der Rückbildung:

I
Wochen 1–6: Aktivierung
Nur sanfte Atemübungen und bewusstes Wahrnehmen des Beckenbodens. Kein Krafttraining, keine Crunches, keine schweren Lasten. Der Körper braucht Ruhe zum Heilen. Wochenbettgymnastik mit Hebamme ist ideal.
Sanft, täglich
II
Ab Woche 6–8: Aufbau
Nach der Rückbildungsuntersuchung kann das gezielte Training beginnen. Beckenbodenübungen intensivieren, Rumpfstabilität aufbauen, Rückbildungskurs belegen. Noch kein Joggen oder Hüpfen.
3–4x wöchentlich
III
Ab Monat 4–6: Belastung steigern
Erst wenn der Beckenboden stabil ist, wieder mit High-Impact-Sport beginnen. Test: Kannst du 10 einbeinige Hüpfer ohne Urinverlust? Wenn ja, ist der Beckenboden bereit.
Individuell steigern
03c · Was kann ich tun · Ernährung

Was der Körper in dieser Zeit besonders braucht.

03d · Technische Unterstützung

Biofeedback-Training nach der Rückbildung.

Biofeedback-Beckenbodentrainer sind erst nach Abschluss der Rückbildung sinnvoll — in der Regel ab dem 3.–4. Monat nach der Geburt, wenn die Wunden vollständig verheilt sind und die erste aktive Trainingsphase abgeschlossen ist.

Sie können dann besonders hilfreich sein, wenn Inkontinenz-Symptome nach der Rückbildung bestehen bleiben, das Körpergefühl für den Beckenboden noch fehlt, oder wenn du sichergehen möchtest, die Übungen korrekt auszuführen.

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04 · Wann zum Arzt

Bitte nicht einfach abwarten.

Bitte suche Hilfe wenn:

  • Inkontinenz nach der Rückbildung (ca. 3 Monate nach Geburt) noch besteht
  • Du ein Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl in der Scheide spürst (kann auf Senkung hinweisen)
  • Schmerzen beim Sex nach der Geburt länger als 3 Monate anhalten
  • Der Dammriss schlecht heilt oder schmerzhaft bleibt
  • Du das Gefühl hast, deinen Beckenboden nicht spüren oder kontrollieren zu können
  • Du unter Stuhlinkontinenz leidest

Hebammen, Physiotherapeutinnen mit Beckenbodenspezialisierung und Urogynäkologinnen sind die richtigen Ansprechpartnerinnen. Eine Überweisung zur Beckenbodenphysiotherapie ist in vielen Fällen sinnvoll und von der GKV erstattungsfähig.

Stefanie Konopatzki
Stefanie Konopatzki
Ergotherapeutin · Wechseljahre-Beraterin · Herausgeberin femsana.de
"Schwangerschaft und Geburt sind Ausnahmezustände für den Körper. Der Beckenboden leistet dabei Unglaubliches. Ich wünsche mir, dass Frauen diese Phase mit Wissen und Unterstützung erleben und sich danach die Zeit nehmen, die ihr Körper für die Erholung braucht. Rückbildung ist kein Sprint."
Quellen dieser Seite
[1]Impact of postpartum exercise on pelvic floor disorders and diastasis rectus abdominis: a systematic review and meta-analysis. Beamish NF et al. British Journal of Sports Medicine, 2024. doi.org ↗
[2]Beckenbodentraining in der Schwangerschaft: Paradigmenwechsel. Henscher U. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 75(5), 2023.
[3]Physical therapist interventions to prevent postpartum urinary incontinence: a systematic review. Cabrera-Martos I et al. Physical Therapy, 2025. doi.org ↗
[4]Rektusdiastase nach der Geburt: aktuelle Forschungslage. rund∞fit, 2026. rund8fit.ch ↗
[5]Rückbildung nach der Geburt. DocMedicus Gesundheitslexikon, 2025. gesundheits-lexikon.com ↗
→ Zum zentralen Quellenverzeichnis von femsana