Wechseljahre · Beckenboden

Wenn der Beckenboden
in die Wechseljahre kommt.

Fast jede zweite Frau in der Postmenopause ist von Beckenbodenproblemen betroffen. Was genau im Körper passiert, was wirklich hilft und was die Wissenschaft dazu sagt.

Stefanie Konopatzki
Stefanie Konopatzki, Ergotherapeutin & Wechseljahre-Beraterin
📖 ca. 6 Minuten Lesezeit
01 · Was passiert im Körper

Östrogen als stille Stütze des Beckenbodens

Der Beckenboden ist mehr als ein Muskel. Er ist ein komplexes System aus Muskeln, Bindegewebe, Nerven und Schleimhäuten, und all diese Strukturen haben eines gemeinsam: Sie reagieren empfindlich auf Östrogen.

Während der Wechseljahre sinkt der Östrogenspiegel im Körper deutlich und dauerhaft. Das hat direkte Auswirkungen auf den Beckenboden. Das Bindegewebe verliert an Elastizität, die Muskulatur baut ab, die Schleimhäute werden dünner und trockener, und die Nerven, die Blase und Schließmuskeln steuern, arbeiten weniger präzise.

Medizinisch wird dieses Phänomen als Genitourinary Syndrome of Menopause (GSM) bezeichnet, früher als vaginale Atrophie bekannt. Es umfasst nicht nur vaginale Beschwerden, sondern auch Harnwegsprobleme und Beckenbodenschwäche.

Was konkret passiert:

02 · Was sagt die Wissenschaft

Gut belegt: Beckenbodentraining wirkt.

Schlüsselstudie: Beckenbodentraining in der Postmenopause

~50%

aller Frauen in der Postmenopause sind von Inkontinenz betroffen.

Wirksam

Gezieltes Beckenbodentraining (PFMT) verbessert Inkontinenz, Lebensqualität und Muskelkraft nachweislich.

Quelle [1]: Systematic Review & Meta-Analysis, European Journal of Obstetrics and Gynecology, 2024

Eine aktuelle Metaanalyse aus dem Jahr 2024 analysierte mehrere randomisierte Studien zum Thema Beckenbodentraining bei postmenopausalen Frauen. Das Ergebnis ist eindeutig: Gezieltes Training verbessert nicht nur die Anzahl der Inkontinenz-Episoden, sondern auch die Schwere der Beschwerden und die Lebensqualität.

Interessant: Frauen, die keine Hormonersatztherapie (HRT) anwendeten, zeigten in einigen Studien sogar stärkere Verbesserungen durch Beckenbodentraining als Frauen mit HRT. Das Training ist also auch ohne Hormone hochwirksam.

Was die Forschung zur Hormonersatztherapie sagt:

Lokale Östrogentherapie (direkt vaginal angewendet) zeigt in Studien deutlich positive Effekte auf Trockenheit, Brennen und Harnwegsbeschwerden. Systemische HRT hingegen kann Inkontinenz in einigen Fällen sogar verschlechtern. Die Entscheidung für oder gegen HRT ist individuell und gehört in ärztliche Hände.

03a · Was kann ich tun · Ernährung & Lebensstil

Ernährung als unterschätzter Faktor.

Die Ernährung beeinflusst den Beckenboden in den Wechseljahren auf mehreren Wegen: über den Östrogenstoffwechsel, über das Körpergewicht, über Entzündungsprozesse und über die Flüssigkeitsversorgung der Schleimhäute.

Förderlich

Leinsamen & Soja Phytoöstrogene
Kalziumreiche Lebensmittel Knochengesundheit
Vitamin D (Fisch, Eier, Sonne) Muskel & Knochen
Magnesium (Nüsse, Hülsenfrüchte) Muskelentspannung
Omega-3 (Lachs, Walnüsse, Leinöl) Entzündungshemmend
Viel Wasser (1,5–2 L täglich) Schleimhautgesundheit

Eher meiden

Alkohol Blasenreizend
Koffein (Kaffee, Cola) Erhöht Harndrang
Scharfe Gewürze Blasenreizend
Stark verarbeitete Lebensmittel Entzündungsfördernd
Übergewicht Erhöhter Druck auf BB

Ein Wort zu Phytoöstrogenen:

Phytoöstrogene, pflanzliche Verbindungen in Soja, Leinsamen und Rotklee, können die Wirkung von Östrogen im Körper schwach nachahmen. Die aktuelle Studienlage ist gemischt. Während epidemiologische Daten zeigen, dass Frauen in asiatischen Ländern mit höherem Phytoöstrogen-Konsum weniger unter Wechseljahresbeschwerden leiden, konnten kontrollierte Studien keinen konsistent starken Effekt nachweisen. Als Teil einer ausgewogenen, pflanzenbetonen Ernährung sind sie aber gut verträglich und potenziell hilfreich.

03b · Was kann ich tun · Übungen

Beckenbodentraining: Wie es wirklich funktioniert.

Viele Frauen kennen Beckenbodenübungen, machen sie aber falsch oder zu selten. Entscheidend ist nicht nur das Anspannen, sondern auch das bewusste Loslassen. Gerade in den Wechseljahren neigen viele Frauen zur Überanspannung.

1
Der Grundtest: Spüren lernen
Setze dich aufrecht hin. Stelle dir vor, du möchtest das Wasserlassen unterbrechen. Spanne die Muskulatur an, halte 3 Sekunden, und lass dann vollständig los. Kannst du den Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung spüren? Das ist die Basis.
Täglich · 5 Minuten
2
Schnelle Zuckungen (Fast Twitch)
Spanne den Beckenboden kurz und kräftig an, sofort wieder loslassen. Wiederhole 10-mal schnell hintereinander. Diese Übung trainiert die schnellen Muskelfasern, die beim Niesen oder Husten gebraucht werden.
3 Sätze täglich
3
Langsames Halten (Slow Twitch)
Spanne langsam an, halte 8–10 Sekunden, dann 10 Sekunden vollständig entspannen. Diese langen Fasern sind für die Dauerbelastung zuständig, zum Beispiel beim Stehen oder Gehen.
10 Wiederholungen, 2-mal täglich
4
Der Lift
Stelle dir vor, dein Beckenboden ist ein Aufzug. Spanne ihn stufenweise an (Erdgeschoss, 1. Stock, 2. Stock) und fahre dann genauso stufenweise wieder herunter. Das schult die Körperwahrnehmung und die feine Muskelkontrolle.
5 Wiederholungen täglich

Wichtig: Die Entspannung ist genauso wichtig wie die Anspannung. Ein dauerhaft verspannter Beckenboden kann ebenfalls Beschwerden verursachen, unter anderem Schmerzen beim Sex oder das Gefühl, die Blase nicht vollständig entleeren zu können.

03c · Was kann ich tun · Technische Unterstützung

Wenn Übungen allein nicht reichen.

Für viele Frauen ist es schwer, den Beckenboden überhaupt zu spüren oder zu kontrollieren, besonders wenn die Muskulatur durch den Östrogenmangel bereits geschwächt ist. Hier können Biofeedback-Geräte helfen: Sie messen in Echtzeit, wie stark und korrekt du die Muskulatur anspannst und geben dir direktes Feedback über eine App.

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04 · Wann zum Arzt

Diese Zeichen solltest du ernst nehmen.

Bitte suche ärztliche Hilfe wenn:

  • Du beim Husten, Niesen oder Sport regelmäßig Urin verlierst
  • Du plötzlichen, starken Harndrang verspürst, den du kaum kontrollieren kannst
  • Du das Gefühl hast, die Blase nicht vollständig entleeren zu können
  • Du ein Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl im Becken spürst
  • Du wiederkehrende Harnwegsinfektionen hast
  • Sex schmerzhaft geworden ist
  • Die Beschwerden deinen Alltag oder deine Lebensqualität einschränken

Beckenbodenbeschwerden in den Wechseljahren sind sehr häufig, aber sie sind nicht unvermeidlich und vor allem nicht dauerhaft hinzunehmen. Eine Gynäkologin oder Urogynäkologin kann die Ursache abklären und passende Therapien empfehlen, von lokaler Östrogentherapie über Physiotherapie bis hin zu weiteren medizinischen Optionen.

Stefanie Konopatzki
Stefanie Konopatzki
Ergotherapeutin · Wechseljahre-Beraterin · Herausgeberin femsana.de
"Der Beckenboden wird in den Wechseljahren oft vergessen, dabei ist er einer der wichtigsten Faktoren für Lebensqualität und Selbstständigkeit. Das Gute ist: Er lässt sich trainieren, in jedem Alter. Und mit den richtigen Hilfsmitteln geht das heute diskreter und effektiver als je zuvor."
Quellen dieser Seite
[1] Effect of pelvic floor muscle training on urinary incontinence symptoms in postmenopausal women: A systematic review and meta-analysis. European Journal of Obstetrics and Gynecology and Reproductive Biology, 2024. doi.org/10.1016/j.ejogrb.2024.11.040 ↗
[2] Effectiveness of hormones in postmenopausal pelvic floor dysfunction. International Urogynecological Association (IUGA), PMC 2020. ncbi.nlm.nih.gov ↗
[3] ICI-RS 2024: Pelvic floor health during the perinatal and perimenopausal period. PMC 2024. ncbi.nlm.nih.gov ↗
[4] Phytoöstrogene in Lebensmitteln. UGB Gesundheitsberatung. ugb.de ↗
[5] DAK Gesundheit: Beckenbodentraining in den Wechseljahren. dak.de ↗
→ Zum zentralen Quellenverzeichnis von femsana