Östrogen als stille Stütze des Beckenbodens
Der Beckenboden ist mehr als ein Muskel. Er ist ein komplexes System aus Muskeln, Bindegewebe, Nerven und Schleimhäuten, und all diese Strukturen haben eines gemeinsam: Sie reagieren empfindlich auf Östrogen.
Während der Wechseljahre sinkt der Östrogenspiegel im Körper deutlich und dauerhaft. Das hat direkte Auswirkungen auf den Beckenboden. Das Bindegewebe verliert an Elastizität, die Muskulatur baut ab, die Schleimhäute werden dünner und trockener, und die Nerven, die Blase und Schließmuskeln steuern, arbeiten weniger präzise.
Medizinisch wird dieses Phänomen als Genitourinary Syndrome of Menopause (GSM) bezeichnet, früher als vaginale Atrophie bekannt. Es umfasst nicht nur vaginale Beschwerden, sondern auch Harnwegsprobleme und Beckenbodenschwäche.
Was konkret passiert:
- Die Beckenbodenmuskulatur verliert Kraft und Ausdauer durch den Östrogenmangel
- Das Kollagen im Bindegewebe nimmt ab, was die Stützfunktion der Beckenorgane schwächt
- Die Schleimhaut von Scheide und Harnröhre wird dünner und trockener
- Der Schließmuskel der Blase reagiert empfindlicher und weniger kontrollierbar
- Die Durchblutung des Beckenbodens nimmt ab
Gut belegt: Beckenbodentraining wirkt.
Schlüsselstudie: Beckenbodentraining in der Postmenopause
aller Frauen in der Postmenopause sind von Inkontinenz betroffen.
Gezieltes Beckenbodentraining (PFMT) verbessert Inkontinenz, Lebensqualität und Muskelkraft nachweislich.
Quelle [1]: Systematic Review & Meta-Analysis, European Journal of Obstetrics and Gynecology, 2024
Eine aktuelle Metaanalyse aus dem Jahr 2024 analysierte mehrere randomisierte Studien zum Thema Beckenbodentraining bei postmenopausalen Frauen. Das Ergebnis ist eindeutig: Gezieltes Training verbessert nicht nur die Anzahl der Inkontinenz-Episoden, sondern auch die Schwere der Beschwerden und die Lebensqualität.
Interessant: Frauen, die keine Hormonersatztherapie (HRT) anwendeten, zeigten in einigen Studien sogar stärkere Verbesserungen durch Beckenbodentraining als Frauen mit HRT. Das Training ist also auch ohne Hormone hochwirksam.
Was die Forschung zur Hormonersatztherapie sagt:
Lokale Östrogentherapie (direkt vaginal angewendet) zeigt in Studien deutlich positive Effekte auf Trockenheit, Brennen und Harnwegsbeschwerden. Systemische HRT hingegen kann Inkontinenz in einigen Fällen sogar verschlechtern. Die Entscheidung für oder gegen HRT ist individuell und gehört in ärztliche Hände.
Ernährung als unterschätzter Faktor.
Die Ernährung beeinflusst den Beckenboden in den Wechseljahren auf mehreren Wegen: über den Östrogenstoffwechsel, über das Körpergewicht, über Entzündungsprozesse und über die Flüssigkeitsversorgung der Schleimhäute.
Förderlich
Eher meiden
Ein Wort zu Phytoöstrogenen:
Phytoöstrogene, pflanzliche Verbindungen in Soja, Leinsamen und Rotklee, können die Wirkung von Östrogen im Körper schwach nachahmen. Die aktuelle Studienlage ist gemischt. Während epidemiologische Daten zeigen, dass Frauen in asiatischen Ländern mit höherem Phytoöstrogen-Konsum weniger unter Wechseljahresbeschwerden leiden, konnten kontrollierte Studien keinen konsistent starken Effekt nachweisen. Als Teil einer ausgewogenen, pflanzenbetonen Ernährung sind sie aber gut verträglich und potenziell hilfreich.
Beckenbodentraining: Wie es wirklich funktioniert.
Viele Frauen kennen Beckenbodenübungen, machen sie aber falsch oder zu selten. Entscheidend ist nicht nur das Anspannen, sondern auch das bewusste Loslassen. Gerade in den Wechseljahren neigen viele Frauen zur Überanspannung.
Wichtig: Die Entspannung ist genauso wichtig wie die Anspannung. Ein dauerhaft verspannter Beckenboden kann ebenfalls Beschwerden verursachen, unter anderem Schmerzen beim Sex oder das Gefühl, die Blase nicht vollständig entleeren zu können.
Wenn Übungen allein nicht reichen.
Für viele Frauen ist es schwer, den Beckenboden überhaupt zu spüren oder zu kontrollieren, besonders wenn die Muskulatur durch den Östrogenmangel bereits geschwächt ist. Hier können Biofeedback-Geräte helfen: Sie messen in Echtzeit, wie stark und korrekt du die Muskulatur anspannst und geben dir direktes Feedback über eine App.
Beckenbodentrainer auf Rezept
Alle drei Geräte bei femsana sind GKV-erstattungsfähig und können von deiner Gynäkologin verordnet werden. Du zahlst nur die gesetzliche Zuzahlung.
Diese Zeichen solltest du ernst nehmen.
Bitte suche ärztliche Hilfe wenn:
- Du beim Husten, Niesen oder Sport regelmäßig Urin verlierst
- Du plötzlichen, starken Harndrang verspürst, den du kaum kontrollieren kannst
- Du das Gefühl hast, die Blase nicht vollständig entleeren zu können
- Du ein Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl im Becken spürst
- Du wiederkehrende Harnwegsinfektionen hast
- Sex schmerzhaft geworden ist
- Die Beschwerden deinen Alltag oder deine Lebensqualität einschränken
Beckenbodenbeschwerden in den Wechseljahren sind sehr häufig, aber sie sind nicht unvermeidlich und vor allem nicht dauerhaft hinzunehmen. Eine Gynäkologin oder Urogynäkologin kann die Ursache abklären und passende Therapien empfehlen, von lokaler Östrogentherapie über Physiotherapie bis hin zu weiteren medizinischen Optionen.
